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Zwölf Kapitel der Sammlung Ludwig

Stichwort Gegenwart
Zwölf Kapitel der Sammlung Ludwig

17.03. - 04.11.2007

Erfahrungsgemäß bleiben Sammlungen nur lebendig, wenn mit ihnen gearbeitet wird und die in ihnen beschlossenen Sinnpotenziale immer wieder neuen Befragungen ausgesetzt werden. Die Art und Weise der Präsentation ist dabei von entscheidender Bedeutung, legen doch Parameter wie etwa die räumliche Abfolge oder kalkulierte Nachbarschaften der Formate und Medien bestimmte Wahrnehmungs- und Verstehensprozesse nahe und schließen andere eher aus. Wer beispielsweise eine streng chronologische Gliederung wählt, betont zwar den zeitlichen Verlauf einer Entwicklung oder Strömung, vernachlässigt aber notgedrungen die Präsenz und Ausstrahlung des Einzelwerkes; wer sich hingegen der qualitativen Selektion verschreibt, läuft Gefahr, die historische und soziale Einbindung einer Arbeit aus dem Blick zu verlieren; wer schließlich die Gruppierung um Themenbereiche herum bevorzugt, kann sich einer gewissen Beliebigkeit der Exponate kaum entziehen.

Robert Rauschenberg, Visual Autobiography 1968, 3 Bältter je168x123,5cm, Foto-Lithografie, Sammlung Ludwig

Kurzum, jede Methode hat ihre Stärken und Schwächen und sollte situativ immer so zum Einsatz kommen, dass sie die jeweiligen Desiderate der anderen gewinnbringend ausgleicht. Zudem gibt es beim wirklichen Ausstellungsaufbau, anders als in den Phasen der vorangegangenen Konzeption, immer wieder die entscheidenden Momente der physischen Begegnung der Werke im Raum, in denen sich, meist als „Bauchgefühl“ eines erfahrenen Kurators und rational nur schwer begründbar, sehr schnell herausstellt, ob etwa miteinander funktioniert oder nicht. Die tatsächliche Wirkung der Formen und Farben, etwas das optische Gewicht einer Fläche, der Zusammenklang eines motivischen Akkords oder die dreidimensionale Dominanz einer Skulptur, lassen sich letztlich nur vor und mit dem Original erfahren; insofern gestaltet sich eine Sammlungspräsentation im Falle des Gelingens immer auch als räumlicher Essay, der vom Betrachter in Bewegung durchschritten wird, auf Haupt- und Nebenwegen, an Kreuzungen und Ruhezonen.

Gerhard Richter, Permutationen 1-1024, 1973-74, 5 Teile, Autolack auf Leinwand, Sammlung Ludwig

Eine solch komplexe Herangehensweise verfolgt auch das Ludwig Forum für Internationale Kunst in Aachen, das nach dem mehrstufigen Zyklus „Aufgeschraubt & Abgestaubt“, gewissermaßen einem Freilegen der Fundamente, und den temporären Kooperationen mit verschiedenen Privatsammlungen unter dem Label „Up Side Down“ nun seine dritte Präsentation der Sammlungsbestände unter dem Titel „Stichwort Gegenwart. Zwölf Kapitel der Sammlung Ludwig“ einrichtet. Ausgehend von der räumlichen Struktur des Hauses, die neben den eigentlichen Ausstellungshallen auch die sogenannten Kapellenräume, den haushohen Lichthof ebenso wie die leicht klaustrophobischen Kellerräume, die Sheddach-Halle und den Gartenbereich umfasst, werden weitläufige Themen-Cluster geschaffen, die die Ausprägungen des jeweils gültigen Gegenwartsbegriffes innerhalb der letzten fünf Dezenien in möglichst exemplarischen Konstellationen veranschaulichen sollen. Wenn dann etwa in der Abteilung „Idol und Rollenspiel“ die ausgelöschte Ikone „My Marylin“ des britischen Pop-Art-Begründers Richard Hamilton auf das ohnmachtsnahe Alter Ego des Malers Neo Rauch trifft, das sich durch ein blutrot überwölbtes Traumgeschehen tastet, wird etwas freigesetzt von der assoziativen Bildkraft gegenseitiger Steigerung über Zeiten und Räume hinweg. Wenn unter der Rubrik „Selbstbild und Entwurf“ die „Visuelle Autobiographie“ des Himmelsstürmers Robert Rauschenberg der drastischen Körperlichkeit von John Coplans ausgesetzt wird, begleitet vom stillen Schauen des „Richard“ von Chuck Close und gebrochen vom melancholischen Hundeblick William Wegmans, dann setzt ein mehrstimmiges Gespräch ein, das über den Beitrag jedes einzelnen Teilnehmers weit hinausgeht. Wer an diesem Gespräch teilhaben möchte, sollte genau dieses Wagnis auf sich nehmen: scheinbar Vertrautes in neuen Konstellationen, also aus anderen Denkperspektiven heraus wahrnehmen, wenige, aber hochkarätige Neuerwerbungen und Leihgaben entdecken, das vielgestaltige Haus in allen Winkeln durchstöbern. Derjenige wird nolens volens bemerken, dass er selbst Teil des heutigen Gegenwartsbegriffes ist und infolgedessen manche Problemstellung der Heroen der jüngsten Kunstgeschichte kaum noch nachvollziehen kann, von anderen Lösungen noch immer oder schon wieder begeistert ist und mitunter auch Antworten hat, von denen sie noch nicht einmal die Fragen kennen konnten.

Franz Gertsch, Großer Waldweg, 2005-2006, Holzschnitt, Handabzug auf Kumohadamashi, Japanpapier, 267x380cm, Sammlung Ludwig, Ludwig Forum für Internationale Kuns

Eröffnung Freitag, 16.03.07, 20.00 Uhr

 

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